📆 Datum: Januar 2025
⏰ Lesezeit: ca. 6 Minuten
👉 Autor: Kai Platschke
🖨️ Zuerst erschienen: de:hub Blog
Die größte Gefahr für die Zukunft eines Unternehmens ist oft sein gegenwärtiger Erfolg. Der unerbittliche Druck des „Tagesgeschäfts“ erzeugt eine Sogwirkung, die Teams im Status quo gefangen hält. Dieser Artikel beleuchtet die strukturelle Spannung zwischen operativer Effizienz und kreativer Erforschung. Wir zeigen, wie „organisatorische Ambidextrie“ den Rahmen bietet und KI als Entlastungsventil fungiert, um endlich den nötigen Raum für strategische Weiterentwicklung zu schaffen.
Kernaussagen
Interessenskonflikt: Effizienz (heute) und Innovation (morgen) widersprechen sich von Natur aus; diese Spannung zu moderieren, ist die Kernaufgabe moderner Führung.
Die Sogwirkung: Das Tagesgeschäft dehnt sich aus, um jede verfügbare Minute zu füllen, wenn es nicht strukturell begrenzt wird.
Strategische Ambidextrie: Erfolg erfordert „Beidhändigkeit“ – das Kerngeschäft schützen und es gleichzeitig mutig infrage stellen.
KI als Kapazitäts-Turbo: KI ist kein reines Gadget, sondern schafft gezielt dort Freiraum, wo das Tagesgeschäft am meisten Zeit frisst (Exploitation).
Rollen-Architektur: Niemand kann gleichzeitig zu 100 % effizient und zu 100 % kreativ sein; Rollenprofile müssen diese Realität widerspiegeln.
In jeder Organisation tobt ein unsichtbarer Krieg. Auf der einen Seite steht die Kraft der „Exploitation“ (Ausbeutung) – das Streben nach Effizienz, Routine und sofortigem Gewinn. Das ist dein Tagesgeschäft. Auf der anderen Seite steht die Kraft der „Exploration“ (Erkundung) – die Notwendigkeit für Veränderung, Experimente und das Überleben von morgen.
Das Problem? Diese beiden Kräfte stehen in einer permanenten Spannung zueinander. Das Tagesgeschäft ist laut, dringlich und liefert sofortige Bestätigung. Innovation ist leise, unsicher und zahlt sich erst in ferner Zukunft aus. In den meisten Unternehmen frisst das „Dringliche“ routinemäßig das „Wichtige“ auf. Das führt dazu, dass Teams immer schneller rennen, nur um auf derselben Stelle stehen zu bleiben.
Wir hören oft von Führungskräften, dass ihre Teams „innovativer“ werden sollen. Doch die KPIs und Strukturen belohnen oft das Gegenteil. Wenn ein Team rein an seinem heutigen Output gemessen wird, fühlt sich jede Minute, die in „Was-wäre-wenn“-Szenarien investiert wird, wie Zeitverschwendung an.
Dies schafft eine gefährliche „Erfolgsfalle“. Indem du die Prozesse von heute perfektionierst, wirst du zunehmend starr. Genau die Effizienz, die dich gestern erfolgreich gemacht hat, wird zu dem Gewicht, das dich daran hindert, bei Marktveränderungen schnell umzusteuern. „Business as usual“ ist nicht nur eine Arbeitskategorie; es ist eine psychologische Komfortzone, die uns vor der unordentlichen Arbeit an der Zukunft schützt.
Um diese Spannung aufzulösen, nutzen wir das Konzept der „organisationalen Ambidextrie“. Es besagt, dass ein gesundes Unternehmen „beidhändig“ agieren muss:
Die rechte Hand (Exploitation): Konzentriert sich auf den „Way of Working“, der Konsistenz schafft. Es geht um Verfeinerung, Reduzierung von Varianz und Disziplin.
Die linke Hand (Exploration): Konzentriert sich auf den „Way of Thinking“, der Entdeckungen ermöglicht. Es geht um Versuch und Irrtum, Flexibilität und das Brechen von Regeln.
Jahrelang war der Kompromiss ein Nullsummenspiel: Wer mehr Innovation wollte, musste mehr Personal einstellen oder Effizienzverluste hinnehmen. Die KI hat diese Rechnung verändert.
KI fungiert als Entlastungsventil für den Druck des Tagesgeschäfts. Indem wir hochgradig repetitive, datenlastige „Exploit“-Aufgaben an Maschinen delegieren, gewinnen wir die menschliche Bandbreite zurück, die für „Explore“-Aufgaben zwingend erforderlich ist.
Bei teamdecoder sind wir überzeugt: Der „Way of Working“ muss mit Blick auf diese Spannung geprüft werden. Wir helfen Teams zu identifizieren, welche Teile ihres Tages rein der Erhaltung dienen und welche dem Wachstum.
Ballast identifizieren: Was tun wir nur aus Gewohnheit?
Routine automatisieren: Welche Aufgaben übernimmt heute die KI?
Innovatoren schützen: Wer hat den Kopf frei für das „Übermorgen“?
Christian und Kai haben dazu neulich eine Unterhaltung geführt – höre gerne mal rein.
Zusätzliche Informationen
„Der Business-Spagat“ von Christian Schwedler: Wie wir das Kerngeschäft bewahren UND den Wandel vorantreiben. Ein Praxisleitfaden für Ambidextrie. Zum Buch bei Haufe
Ambidextrie im Management (Gabler Wirtschaftslexikon): Die theoretischen Grundlagen der Beidhändigkeit verständlich erklärt. Zum Artikel
KI-Monitor 2024: Aktuelle Daten dazu, wie KI die Effizienz in deutschen Unternehmen steigert. Zur Studie
The Innovator's Dilemma (Zusammenfassung): Warum etablierte Firmen an Innovation scheitern. Zur Harvard-Zusammenfassung
FAQ
Warum fühle ich mich schuldig, wenn ich kein „Tagesgeschäft“ mache? Unsere Arbeitskultur bewertet „Beschäftigtsein“ oft höher als „Nachdenken“. Strategische Arbeit oder Experimente sehen von außen oft nicht nach „echter Arbeit“ aus. Wir müssen das Mindset ändern: Von der Belohnung reiner Aktivität hin zur Belohnung von Ergebnissen. Erkenne an, dass „Denkzeit“ eine geschäftskritische Anforderung ist, kein Luxus.
Wie viel Zeit sollte für Exploration vs. Exploitation reserviert sein? Die 70/20/10-Regel ist ein bewährter Richtwert: 70 % der Ressourcen fließen ins Kerngeschäft (Exploit), 20 % in die Weiterentwicklung bestehender Felder und 10 % in radikale Innovationen (Explore). Wenn das Tagesgeschäft 95 % Ihrer Zeit frisst, wetten Sie faktisch darauf, dass sich Ihr Markt nie verändern wird – eine extrem riskante Wette.
Kann KI auch innovativ sein oder hilft sie nur bei Routinen? KI ist heute ein Meister der „kombinatorischen Innovation“ – sie kann Milliarden von Datenpunkten und Ideen neu verknüpfen, um Muster zu finden, die wir übersehen. Echte Durchbruch-Innovation braucht aber weiterhin menschliche Intuition und Empathie. Die KI schafft den Freiraum, damit Menschen diese tiefe, kreative Arbeit leisten können.
Wie trenne ich die Rollen in einem kleinen Team, ohne neu einzustellen? Es geht nicht um neue Leute, sondern um neue Grenzen. Nutzen Sie „Time-Boxing“: Erklären Sie z. B. den Dienstag zum „Deep Work Day“, an dem operative Meetings und E-Mails tabu sind. Oder rotieren Sie die „Explore“-Rolle: Ein Teammitglied darf sich eine Woche lang nur mit neuen Tools befassen und stellt die Ergebnisse danach allen vor.
Ist Ambidextrie nur was für Konzerne? Im Gegenteil: Kleine Teams sind stärker gefährdet. Während Konzerne oft eigene R&D-Abteilungen haben, muss im kleinen Team dieselbe Person das Telefon bedienen und die 5-Jahres-Strategie planen. Ohne den „Business-Spagat“ wird immer das klingelnde Telefon gewinnen, bis das Team irgendwann irrelevant ist, weil es den Anschluss verpasst hat.
🚀 Möchten Sie Ihr Team zukunftssicher machen?
teamdecoder hilft Ihnen, Klarheit, Resilienz und hybride Kollaboration zwischen Menschen und KI aufzubauen.
Mehr über teamdecoder erfahren